Der Blog läuft nun schon seit über zwei Jahren und – wenn ich das selbst so sagen darf – auch ziemlich erfolgreich. In der Zeit habe ich über Facebook Gruppen und Instagram Einblick in den Umgang von Müttern untereinander bekommen und ein mir vorher unbekanntes Phänomen kennengelernt. #momshaming. Das schelten und beschämen der Mütter, die irgendwie anderer Meinung sind – insbesondere bei Ernährung, Bio und Stillen. Das ganze finde ich nicht nur befremdlich sondern es nimmt mit Züge an, die den Kindern schaden. Das kann doch keiner wollen!?

Ich habe in meinem Bericht rund um den Start in die Corona-Zeit letztes Jahr schon einmal beschrieben, wie “krabitzig” oder auch “stutenbissig” Frauen miteinander umgehen, wenn es um die Glaubenssätze des “eine gute Mutter sein”s geht. Im 4. (oder 5.?) Lockdown aktuell ist der Bericht und der Titel noch absolut valide: Missverständnisse, Missgunst und jede Menge Meinungen. Heute geht es mir aber nicht um die Betreuung der Kinder. Heute geht es mir um die Verpflegung. Denn das zeigen mit dem Finger auf Eltern die kein Bio im Haus haben führt dazu, dass eben diese Eltern weniger Gemüse auf den Tisch bringen.

Was sagt die Wissenschaft zu Bio?

Analyse von Bio Gemüse

Der Offenlegung und Klarheit nehme ich mal direkt eins vorneweg: Ich arbeite mit, in und rund um die Landwirtschaft. In meinem Beruf. Vielleicht ist mir dieses Thema deshalb so wichtig. Im Grunde sagt die Überschrift hier aber schon alles: Jedes Kind sollte möglichst viel Auswahl an Gemüse und Obst zu essen bekommen – ob Bio oder nicht Bio ist vor allem eine Glaubens- und Portemonnaie-Frage.

Defacto ist dieses #momshaming wegen konventionellem Gemüse nämlich überhaupt nicht gerechtfertigt. Jedenfalls nicht, wenn es einem um die Ernährung der Kinder geht. Es gibt – soweit ich das überblicken kann – keine wissenschaftlichen Ergebnisse die belegen, dass Lebensmittel aus biologischem Anbau ein besseres Profil an Nährstoffen oder gar Geschmack hätten, als Obst und Gemüse aus konventionellem Landbau.

A landmark study published in 2012 in the Annals of Internal Medicine by researchers at Stanford University’s Center for Health Policy aggregated and analyzed data from 237 studies to determine whether organic foods are safer or healthier than non-organic foods. They concluded that fruits and vegetables that met the criteria for “organic” were on average no more nutritious than their far cheaper conventional counterparts, nor were those foods less likely to be contaminated by pathogenic bacteria.

Stanford Medicine News Center, LINK and GeneticLiteracyProject.org, LINK

Es ist auch ein Missverständnis, zu glauben, dass im Biolandbau keinerlei Pestizide verwendet werden. Natürlich muss auch ein Biobauer seine Ernte schützen, denn am Ende ist ein Bauernhof ein wirtschaftendes Unternehmen. Nur wenn er genug Ernte hat, die er zu einem angemessenen Preis verkaufen kann, kann er im Folgejahr weiter wirtschaften und seine Lebensgrundlage aufrechterhalten. Also nutzen Biobauern andere Möglichkeiten (hier eine Liste von 120 zugelassenen Pestiziden für den Ökolandbau). Zum Beispiel Bakterien, Gase wie Kohlenstoffdioxid, Schwefel oder Kupfer (die leider auch alles andere als nachhaltig sind, wie im Weinbau zu sehen ist und hier von einem Weingut erläutert wird).

Was genau in Europa erlaubt ist, kann in der Ökoverordnung nachgelesen werden. In anderen Ländern ist “Organic” noch weniger reguliert – in den USA zum Beispiel gibt es sogar eine Reihe an Ausnahmegenehmigungen für synthetische Pestizide, um der Schädlinge Herr zu werden.

Bio ist toll – Konventionell aber eben auch

Versteht mich nicht falsch: Bio hat seine Daseinsberechtigung. Sowohl Landwirte als auch Verbraucher sollen frei darüber entscheiden können welche Art von Landbau sie unterstützen möchten – und da können diverse Gründe dahinter stehen. Konventioneller Landbau hat aber eben genauso seine Daseinsberechtigung. Beide Anbaumethoden können nachhaltig gestaltet werden – sowohl für Boden und Umwelt, als auch für das Business des Bauern selbst, der seinen Boden und sein Unternehmen vielleicht noch durch Generationen weiter leben sehen will.

Der Verbraucher kann mit seinem Portemonnaie wählen, sofern er es sich leisten kann. Lokal, bio, saisonal – Und das ist der Knackpunkt: Nicht jeder kann es, insbesondere nicht in aktuellen Zeiten. Mehr Kinder werden mehr und öfter zu Hause versorgt, während viele Eltern in Kurzarbeit sind oder um ihre Existenz bangen. Bio ist und bleibt nunmal auch im Schnitt über 40% teurer als konventionelles Obst und Gemüse.

Jedes Gemüse ist besser als kein Gemüse

Natürlich wollen Eltern (jedenfalls grundsätzlich) nur das Beste für ihre Kinder. Entsprechend einfach ist es, gerade jungen Eltern mit geschicktem Marketing das Geld regelrecht aus der Tasche zu ziehen. Entsprechend wird auch vor der Ernährung von Kindern kein Halt gemacht.

Warum erzähle ich euch das, obwohl ich weiß, dass dieses Thema ein heißes Eisen ist und mir um die Ohren fliegen könnte? Weil Ernährung für Kinder ein unheimlich wichtiges Thema ist, aber an der Sorte Gemüse scheitert sie nicht.

Das Marketing von Bio-Brei, Bio-Quetschie (was für eine Farce – steckt der doch im Plastikbeutel) und Co. sind nicht der Grund des Problems. Vielmehr ist es die Tatsache dass Ernährung eine Ersatzreligion geworden ist, in einer Ausprägung die dazu führt dass gebildete und ansonsten sehr umgängliche Mütter auf Instagram und Co. direkt oder indirekt über jene Eltern herziehen die sich Bio nicht leisten können oder wollen. Und sie damit in eine Ecke treiben, in der sie das mit dem Gemüse und Obst gleich ganz sein lassen. Das ist traurig, denn jede Portion Obst und Gemüse zählt.

Mütter müssen zusammenhalten

Weniger Gemüse aus Angst das Falsche zu kaufen. Wegen Hörensagens und Scham, wider jeglicher wissenschaftlicher Basis. – Das ist es doch nicht wert, oder? Müssen wir uns in Zeiten wie diesen wirklich darüber zanken, dass Mutti XY kein Biogemüse kauft und deshalb offensichtlich nicht richtig für ihr Kind sorgt? Müssen wir uns auf ideologische Werte der Ernährung herablassen, wenn doch so viel grundsätzlichere Fragen im Raum stehen?

Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.

Ich bin ein Fan von faktenbasierter Diskussion. Und auch von der eigenen Wahl beim Einkauf. Man kann nicht alles wissen – muss man auch nicht. Zu oft jedoch werde ich im Muttiversum von Facebook und Instagram mit Halbwahrheiten und Unwissenheit zum Thema Ernährung konfrontiert, die als Munition gegen andere Mütter eingesetzt werden. #momshaming liegt an der Tagesordnung. Können wir das nicht besser?

Author

36. Mama vom Mausebär. Weltenbummler, fest verankert in und um Köln. Crossfitter und Eishockeyspielerin. Ernährungs-Besserwisser.

12 Comments

  1. Liebe Katharina,
    ich stimme Dir zu, schade das dieses Thema Mütter oder überhaupt Menschen so auseinanderbringt. Ich achte auch gern auf Bioqualität, wenn es der Geldbeutel zulässt. Aber ich kenne auch Zeiten, wo ich alternatives Obst und Gemüse gegessen habe und als Ausgleich viel im Garten angebaut habe. Ich finde, dass deswegen niemand ausgegrenzt werden sollte, weil jedes Obst oder Gemüse auf dem Teller zählt!
    Herzliche Grüße
    Vivienne
    Vivienne Claus kürzlich veröffentlicht…„How to Kill Yourself Abroad“ von Markus LeswengMy Profile

  2. Anzumerken ist, dass ein konventionell angebautes Gemüse natürlich nicht weniger Vitamine und Mineralstoffe hat als ein biologisch angebautes. Bio bedeutet eben genau das nicht. Bio bedeutet einzig und alleine, dass ein solches Gemüse weniger Schadstoffe hat als konventionelles Gemüse. Warum das immer noch nicht bekannt ist, bleibt mir ein Rätsel.
    Alles Liebe
    Annette

  3. Manchmal ist es schon verwunderlich, was für seltsame Dinge so durch die Köpfe geistern.
    Klar ist doch, Bioprodukte haben nicht mehr Vitamine und Co, werden aber mit deutlich weniger Pestiziden angebaut.
    Für mich ist das Thema Regionalität und auch Saisonal auch nicht zu unterschätzen.

    Liebe Grüße,
    Katja

  4. Hallo,

    ein Thema was nicht einfach ist, und im Grunde schon. Jeder sollte das Essen, was er möchte und andere haben das zu verstehen. Am besten ist natürlich der eigene Garten. Aber das geht leider nicht immer. Aber gut, dass du es angesprochen hast. Vielleicht wachen einige Mütter auf und nehmen andere wie sie sind.
    Liebe Grüße
    Julia

  5. Liebe Katharina,
    Ich kann einfach nicht verstehen, warum Mütter bei ungefähr wirklich ALLEM runter gemacht werden. Was soll diese Besserwisserei?
    Ich kaufe meistens kein Bio-Gemüse, das ist aber vor allem Bequemlichkeit, weil es in unserem Supermarkt um die Ecke keine große Auswahl gibt. Ich weiß auch nicht, ob ich einen Unterschied schmecken würde.
    Grundsätzlich soll es doch jeder halten, wie er will – so lange die Kinder gesund ernährt werden und nicht mit Fertigzeug, Zucker und Fett vollgepumpt werden, ist doch alles halb so wild.
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap
    Miriam kürzlich veröffentlicht…Alles schlecht da unten? Die Grenzen der EntwicklungshilfeMy Profile

  6. Ich kann diesen Hype um Bio eigentlich gar nicht verstehen. Die Felder von Bio-Bauer und Nicht-Bio-Bauer sind meist gar nicht weit voneinander entfernt und die ganzen Schadstoffe können eben auch durch Wind und sonstige Wettereinflüsse ausgetauscht werden. Deswegen glaub ich nie, dass Bio überhaupt nicht belastet ist. Und außerdem, wen geht es überhaupt an, was ich esse? Außer ich stelle es gezielt zur Schau und lasse andere darüber urteilen. Aber wenn man nur ein leckeres Gericht zeigt, finde ich schön. Und wie du sagst, in heutiger Zeit, sollen die Menschen das essen, was sie sich leisten können. Dann lieber konventionell, als gar nicht.
    Liebe Grüße, Tanja
    Tanja’s Everyday Blog kürzlich veröffentlicht…Sechs Beine oder mehr – das Kinderbuch über die Welt der InsektenMy Profile

  7. Hi Katharina,
    ein sehr gutes Thema!
    Ich habe zwar keine Kinder, jedoch bin auch ich der Meinung, dass es niemanden etwas angeht Ob mein Essen Bio ist oder nicht.
    Für mich ist es das wichtigste regionale Produkte zu kaufen und somit die Bauern hier in Deutschland zu unterstützen. Bezüglich Bio Lebensmittel habe ich während meiner Tests der unterschiedlichen Onlinesupermärkte festgestellt, dass diese meist zusätzlich in Folie verpackt werden und andere hingegen nicht.
    Warum dies so ist konnte mir noch niemand erklären.
    LG
    Stephan
    Stephan kürzlich veröffentlicht…Meine Top 5 Filme: Vom verrückten Wissenschaftler bis hin zum Fernsehstar wider WillenMy Profile

  8. Ich gebe zu, dass ich selten BIO, dafür aber viel Obst und Gemüse kaufe! Auf Dauer wäre mir BIO bei der Menge auch zu teuer. Für mich gibt es nichts Leckereres als Obst und Gemüse und ich bin immer ganz erschüttert, wenn ich mir mit meinen Kindern auf Arbeit mein “1000 Sachen zum Essen”-Buch anschaue und sie bei vielen Früchten und Gemüsesorten “iiiiiihhh” sagen. Jetzt überlege ich aber gerade, ob viele Kinder vielleicht einfach zu wenig kennen aus oben besagtem Grund. Kann ja sein … Ich glaube mache Sorten mag man erst, wenn man sie häufiger probiert hat!

    Auf jeden Fall sollte sich niemand für den Kauf von “normalem” Obst und Gemüse schämen müssen! Gesund sind beide! Und lecker auch!

    Liebe Grüße
    Jana

  9. Das hast du super geschrieben. Ich bin selbst zwar keine Mutter, aber dieses Problem der Missgunst kennt man ja aus allen Bereichen. Ob Bodyshaming etc. Auch das Thema Essen, gerade wenn man “in der Öffentlichkeit” steht… Bei mir ist das auch ein großer Punkt, weswegen ich oft angefeindet werde, weil ich selbst eben kein Gemüse und nur ganz wenige Sorten Obst esse. Aber nicht, weil ich es nicht möchte, sondern weil es mir schlichtweg nicht schmeckt. Ich habe schon als Kind meiner Mum alles, was Gemüse enthalten hat wieder entgegengespuckt…

    Ich finde, solange man an seine Vitamine etc. kommt, sollte man essen, was einem schmeckt. Das würde ich bei meinem Kind genauso halten. Es müsste nichts essen, was ihm nicht schmeckt, solange alle Werte in Ordnung sind!

    Allerliebst ♥
    Mona

  10. Es ist doch egal in welchem Bereich. Man kann es nie jedem Recht machen. Schon vor 18 Jahren hatte ich das Problem, weil ich nicht selbst gekocht, sondern lieber auf Gläschen zurückgegriffen habe. Manchmal war ich wohl echt eine Rabenmutter. Furchtbar ;o). Natürlich lege ich viel Wert auf saisonales und regionales Gemüse. Mitunter baue ich auch selbst an. Ich finde diese gegenseitige Unverständnis einfach schlimm.
    Viele Grüße an Dich
    Sandra

  11. Toller und wichtiger Beitrag – danke!

    Aber um genau das geht es doch: weniger Schadstoffe in Bio-Produkten. Auch ich muss jeden Rappen mehrmals kehren beim Einkaufen, und dennoch bereitet es mir ein ungutes Gefühl, bei der Entscheidung “mehr oder weniger Pestizide?” nicht nach Bio zu greifen für meinen Sohn…

    Nun mache ich es so, dass der Brei meines Sohnes ausschliesslich Bio ist, mein Partner und ich jedoch auf die konventionelle Auswahl – also nicht Bio – zurück greifen. Ein bisschen schonender für das Portemonnaie.

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