Das Badezimmer. Ruhe. Warmes Licht bricht sich in den Fliesen, der Duft von Eukalyptus und Kokos hängt schwer und teuer in der Luft. Auf dem Gesicht liegt eine dieser matschigen, kühlenden Gesichtsmasken, während der Badeschaum leise knistert. Es ist dieser eine Moment der Woche, in dem die Welt draußen bleiben soll, in dem die Optimierung des Selbst kurz Pause macht und durch pure Pflege ersetzt wird. Doch die Stille hält genau vier Minuten. Ein gellender Schrei aus dem Flur zerschlägt die ästhetische Inszenierung. Ein Kind weint, eine Tür knallt, und das warme Wasser fühlt sich plötzlich nicht mehr wie Luxus an, sondern wie ein verzweifelter Fluchtversuch vor einer Realität, die sich nicht wegcremen lässt.

Die Wellnessindustrie und die Lüge der Eigenverantwortung

Wir leben in einer Zeit, in der uns die Wellnessindustrie ununterbrochen suggeriert, dass unser Stress ein privates Versagen sei. Wenn wir ausbrennen, liegt es angeblich an der fehlenden Morgenroutine, am mangelnden Mindset oder eben am fehlenden Schaumbad. Diese Individualisierung von Problemen ist ein geniales Geschäftsmodell, aber eine gesellschaftliche Katastrophe. Während wir uns Infrarotmasken kaufen, um die Spuren schlafloser Nächte zu tilgen, bleiben die strukturellen Ursachen unserer Erschöpfung unangetastet. Ein Schaumbad kann keine fehlenden Betreuungsplätze ersetzen, und ein Lavendelöl lindert nicht den finanziellen Druck, den das veraltete System der Steuerklasse fünf auf Frauen ausübt.

Diese Form der Selbstoptimierung ist eine Nebelkerze. Sie lenkt davon ab, dass wir in einer Infrastruktur leben, die auf der unsichtbaren und oft unbezahlten Care-Arbeit basiert. Wie Sophie Passmann in ihren Analysen treffend beschreibt, wird von Frauen erwartet, dass sie das System am Laufen halten, während sie gleichzeitig so aussehen sollen, als hätten sie gerade drei Wochen in einem Schweigerestreat verbracht. Die Erschöpfung ist kein Zeichen für ein falsches Zeitmanagement, sondern die logische Folge einer Politik, die Sorgearbeit als Privatsache behandelt. Wer den ganzen Tag zwischen Erwerbsarbeit, Haushalt und Kindererziehung jongliert, braucht keine Achtsamkeits-App, sondern verlässliche staatliche Strukturen.

Hinter der vermeintlichen Fürsorge verbirgt sich ein gigantischer globaler Wirtschaftszweig. Wie aktuelle Daten des Global Wellness Institute belegen, hat sich der Markt für Wellness und Selbstfürsorge auf über 5,6 Billionen US-Dollar ausgeweitet. Profit wird hierbei gezielt aus unseren kollektiven Unsicherheiten und Erschöpfungszuständen geschlagen. Uns wird systematisch suggeriert, wir seien selbst an unserem Stress schuld, während uns Influencer auf Social Media vorleben, wie man angeblich mit einer perfekten 15-Minuten-Schaumbad-Routine und der richtigen Mentalität sein Leben völlig mühelos im Griff hat. Insbesondere Frauen als Hauptzielgruppe dieser Konsummaschinerie investieren überproportional viel Zeit und Geld in diese vermeintlichen Lösungen. Wer diesem unerreichbaren Ideal nicht entspricht, spürt Scham – und genau diese Scham ist das lukrativste Geschäftsmodell. Unter dem Deckmantel der Selbstfürsorge wird uns konsequent das Geld aus der Tasche gezogen: Allein der globale Markt für Nahrungsergänzungsmittel geht in die Hunderte Milliarden, flankiert von zahllosen Start-ups für Raumdüfte, Bio-Shampoos und hochpreisiger Athleisure-Wear, die selbst die Freizeit optisch und funktional durchoptimieren.

Influencer als Marktschreier

Der beispiellose Boom der Wellnessindustrie wäre in einem lokalen, rein physischen Umfeld ohne das Internet schlicht undenkbar gewesen. Zwar finden wir in den Regalen von Geschäften wie Søstrene Grene oder dm durchaus vergleichbare Produkte, doch dort bleiben sie harmlose Konsumgüter. Im analogen Raum begegnen uns diese Alltagsgegenstände, ohne dass sie mit einer Dauerschleife inszenierter Unzulänglichkeiten aufgeladen werden. Erst durch die digitale Omnipräsenz entsteht jene gezielte Konfrontation mit dem eigenen vermeintlichen Versagen, die uns überhaupt erst zum Kauf animiert. Das Regal im Drogeriemarkt fordert uns nicht auf, unser Mindset zu hinterfragen; das geschieht erst auf unseren Bildschirmen, wo die Trennlinie zwischen persönlicher Krise und kommerzieller Lösung systematisch verwischt wird.

Besonders drastisch zeigt sich dies an der rasanten Entwicklung der Influencer-Landschaft in den letzten fünf Jahren. Was einst als scheinbar nahbare Empfehlung aus dem privaten Badezimmer begann, hat sich zu einer hochprofessionalisierten Milliarden-Maschinerie ausgeweitet, in der emotionale Erschöpfung gezielt monetarisiert wird. Die Budgets, die in dieses Marketing fließen, sprengen längst klassische Werbedimensionen, da das Vertrauen in traditionelle Werbung durch authentisch wirkende Testimonials ersetzt wurde. Social Media hat sich im selben Zug von einer reinen Kommunikationsplattform zu einer nahtlosen Kauf-Maschine gewandelt. Insbesondere Funktionen wie das In-App-Shopping, wie wir es massiv auf TikTok erleben, erlauben es den Zuschauern, das vorgelebte vermeintliche Ideal direkt im Bruchteil einer Sekunde und mit nur einem einzigen Klick zu erwerben. Der Impuls der Unzufriedenheit wird so unmittelbar in Transaktionen umgesetzt, bevor der Verstand überhaupt die Chance hat, die Notwendigkeit des Produkts zu hinterfragen.

Sport als radikale Eigenständigkeit

In diesem Kontext muss auch unser Verständnis von Bewegung neu bewertet werden. Sport wird oft als Teil dieses Wellness-Komplexes missverstanden, als eine weitere Aufgabe auf der To-do-Liste der Selbstverbesserung. Doch es gibt eine Form der körperlichen Betätigung, die sich diesem Diktat entzieht. Wenn wir Sport nicht als Mittel zum Zweck der Gewichtsabnahme oder der optischen Verschönerung begreifen, sondern als einen Akt der radikalen Eigenständigkeit, ändert sich alles. Es geht nicht darum, für andere besser auszusehen, sondern den eigenen Körper als ein Werkzeug der Selbstbehauptung zu erfahren.

Beim Laufen oder beim Heben von Gewichten gehört der Körper für eine Stunde nur sich selbst. Es ist kein Service für die Familie, keine Dienstleistung für den Arbeitgeber und keine Pflege für das ästhetische Empfinden der Gesellschaft. In diesem Schweiß und in dieser Anstrengung liegt eine Autonomie, die weit über das passive Liegen in einer Badewanne hinausgeht. Es ist die bewusste Entscheidung, den Raum einzunehmen, der einem zusteht, und die eigene Kraft zu spüren, anstatt sie ständig nur für die Bedürfnisse anderer zu verausgaben. Das ist kein Wellness, das ist Widerstand gegen eine Welt, die uns ständig nur als funktionierende Rädchen in einem maroden Getriebe sehen will.

Tatsächlich ist es mir beim Sport auch total egal was andere denken. Ich mache das nicht, um zu flexen. Nicht um meinen hintern in die Instagram Bubble zuschieben und mir zu 100 Squats applaudieren zu lassen. Ich mache das, damit ich mich spüre. Und damit ich mi 90 noch im Garten wurschteln kann, ohne dass mir die Knie weh tun. Damit ich als Oma noch mit den Kindern am Boden liegen und Lego bauen kann, wenn ich nicht mehr im Dauereinsatz bin sondern mich freue endlich die Enkel zu sehen. Fitness ist mehr als me-time und viel mehr Basic als die Welt einen glauben lässt. Deswegen braucht man auch eigentlich gar nicht mehr als ein paar Turnschuhe. Sport kann so angenehm weit weg sein, vom Konsum immer noch mehr Dinge zu brauchen die einen noch besser machen.

Das Ende der Illusionen

Wenn das Wasser in der Wanne langsam abkühlt und die Schreie aus dem Flur leiser werden, bleibt die Erkenntnis, dass keine Maske der Welt die Risse im Fundament unserer Gesellschaft verdecken kann. Wir können uns noch so sehr einreden, dass wir nur eine weitere Yoga-Session von der inneren Mitte entfernt sind, doch die Wahrheit ist kühler. Wir brauchen eine Infrastruktur, die trägt, und eine Politik, die Care-Arbeit nicht länger als kostenlose Ressource verplant.

Das Schaumbad ist leer, der Schaum ist zerfallen. Was bleibt, ist der Weg zurück in einen Alltag, der nach echten Lösungen verlangt, nicht nach kosmetischen Korrekturen. Die Tür geht auf, das Licht der Welt fällt herein, ungeschönt und fordernd. Es ist Zeit, die Maske abzunehmen und die Dinge beim Namen zu nennen, denn die wirkliche Erholung beginnt erst dort, wo wir aufhören, uns selbst als das Problem zu betrachten.

Author

Mama von Mausebär & Hasenkind Weltenbummler, fest verankert in und um Köln. Im Herzen weiterhin Kanadierin, Spanierin und Brasilianerin. Crossfitter, Gewichtheberin und Eishockeyspielerin. Ernährungs-Besserwisser.

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