Du stehst im fahlen Licht deines Kellers und starrst auf den staubigen Boden. Direkt neben dir warten die gusseisernen Kettlebells auf ihren Einsatz, doch sie bleiben heute unberührt. Stattdessen rollst du mit einer Mischung aus Skepsis und Verzweiflung eine dünne Gummimatte aus. Vor dir auf dem Fernseher lächelt Mady Morrison mit einer so entwaffnenden Perfektion, dass du dich kurz fragst, ob sie jemals in einem Keller voller Spinnweben und alter Kinderspiele gestanden hat. Ihr Dutt sitzt bombenfest, ihre Stimme klingt wie eine warme Umarmung, während du versuchst, dich nicht an der Kante des Regals zu stoßen. Willkommen in der Welt des Home-Yoga, dem Ort, den du eigentlich immer meiden wolltest.

Der Verrat von ganz unten

Es fing alles so harmlos an, doch dann kam der Morgen, an dem mein linker Fuß beschloss, die Zusammenarbeit aufzukündigen. Ein stechender Schmerz bei jedem Schritt, als hättest du die Nacht auf Reißzwecken verbracht. Die Diagnose klang so medizinisch trocken, wie sie sich schmerzhaft anfühlte: Plantarfasziitis (eine schmerzhafte Entzündung der Sehnenplatte unter der Fußsohle). Plötzlich ist das Wort Abrollen kein technischer Begriff aus dem Lauftraining mehr, sondern eine tägliche Qual. Dein Körper hat die Notbremse gezogen und das ausgerechnet jetzt, wo ich grad einigermaßen häufig zum CrossFit ging. Aber gut, so wars halt.

Zu viel Belastung, zu wenig Dehnung und die ignorante Annahme, dass Sehnen aus Stahlseilen bestehen. Nun sitzt ic da und musste einsehen, dass mein Fuß nicht einfach nur ein Werkzeug ist, das zu funktionieren hat. Er fordert Aufmerksamkeit, und zwar in einer Form, die mir bisher fremd war. Keine schweren Kniebeugen, keine Sprints, kein Schweiß, der in Bächen von der Stirn rinnt. Stattdessen heißt es jetzt Atmen und Dehnen.

Vernunft auf zwei Rädern im Standmodus

Früher bin ich mit dem Rennrad die steilsten Hänge hinuntergejagt, den Fahrtwind im Gesicht und das Adrenalin im Blut. Doch die Zeiten haben sich geändert – auch das ist nicht mehr angesagt. Als Mutter trage ich eine Verantwortung, die weit über meinen eigenen Übermut hinausgeht. Die Vorstellung, mit 50 Kilometern pro Stunde bei einer rasanten Abfahrt den Halt zu verlieren und in einer Kurve zu zerschellen, ist kein akzeptables Risiko mehr.

A woman in sportswear exercises on a stationary bike in an indoor gym in Bahrain.

Also trete ich im Stehen in die Pedale, während ich auf eine weiße Wand oder ein virtuelles Radrennen starre. Es ist sicher, es ist kontrolliert und es schont die Plantarfaszie, solange ich nicht zu wild aus dem Sattel gehe. Doch der Preis für diese Sicherheit ist die Einsamkeit des Heimtrainers. Es fehlt das Rauschen der Blätter, der Geruch von feuchter Erde und vor allem die Dynamik des echten Lebens. Mein Keller ist zur Sicherheitszone geworden, in der die einzige Gefahr darin besteht, dass das WLAN abbricht oder die Katze mir zwischen die Speichen läuft.

Die Sehnsucht nach der Box

Während ich mich nun durch die erste Yoga-Sequenz quäle, wandern meine Gedanken unweigerlich zu meiner CrossFit-Box. Ich vermisse den Lärm, das metallische Scheppern der Hantelscheiben und den Geruch von Magnesia in der Luft. Dort warten die Lifting Ladies auf mich, eine Gemeinschaft aus Frauen, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen antreiben. Es ist ein Ort der Energie, an dem man nicht flüstert, sondern schreit, wenn das Gewicht endlich über den Kopf wandert.

Die Atmosphäre dort ist das exakte Gegenteil zu meinem stillen Keller. Das rhythmische Atmen einer ganzen Gruppe beim synchronen Training. Das laute Klatschen in die Hände nach einem geschafften Workout. Die kurzen, motivierenden Zurufe, wenn die Kraft eigentlich schon am Ende ist. Und, nicht zu vergessen, das Gefühl, gemeinsam durch das Feuer zu gehen und danach erschöpft auf dem Boden zu liegen.

In der Box bin ich Teil eines großen Ganzen, während ich hier unten nur gegen meinen eigenen inneren Schweinehund und eine entzündete Sehne kämpfe. Yoga fühlt sich im Vergleich dazu fast wie Zeitlupe an. Ich suche die Intensität, die Zerstörung und den anschließenden Wiederaufbau, doch Mady Morrison möchte, dass ich erst einmal in mein Becken hineinspüre. Ich spüre dort momentan vor allem Ungeduld.

Die überraschende Erkenntnis auf der Gummimatte

Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Nach zwanzig Minuten im herabschauenden Hund merke ich, dass Yoga gar nicht so langweilig ist, wie ich immer behauptet habe. Es ist eine andere Art von Anstrengung. Meine Muskeln zittern nicht vor Überlastung durch schwere Gewichte, sondern vor der ungewohnten Haltearbeit. Ich entdecke Muskelpartien, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren, und die nun leise um Gnade winseln. Es ist eine stille Herausforderung, die meinen Fokus fordert.

High angle of crop anonymous African American female doing bend for improving flexibility and stretching

Vielleicht hat diese streikende Fußsohle mir ein Geschenk gemacht, auch wenn es sich verdammt schmerzhaft verpackt hat. Ich lerne, dass Kraft ohne Flexibilität nur die halbe Wahrheit ist. Die Ruhe im Keller, die mich anfangs so genervt hat, wird plötzlich zu einem Raum für Selbstreflexion. Ich merke, wie mein Puls sinkt und mein Geist sich klärt, während ich versuche, meine Ferse sanft Richtung Boden zu schieben.

Natürlich wird Yoga niemals das Gefühl ersetzen können, wenn ich eine schwere Langhantel vom Boden hebe. Der Kick, den mir CrossFit gibt, ist einzigartig und bleibt mein sportliches Zuhause. Yoga ist für mich eher wie ein notwendiger Besuch bei der Verwandtschaft, bei dem man am Ende doch feststellt, dass es eigentlich ganz nett war. Es ist eine Ergänzung, ein Heilungsprozess und eine Lektion in Demut.

Wenn ich das nächste Mal die Matte zusammenrolle, tue ich es mit einer neuen Form von Respekt. Meine Fußsohle brennt immer noch ein wenig, aber das Pochen ist leiser geworden. Ich werde zurückkehren zu den Lifting Ladies, das steht fest. Doch bis dahin werde ich weiter im Keller stehen, Mady Morrison zunicken und versuchen, Frieden mit der Stille zu schließen. Yoga hat mich vielleicht gezwungen, aber am Ende habe ich mich entschieden, zu bleiben, zumindest für heute. Es ist kein Ersatz für den Schweiß der Box, aber es ist die Brücke, die mich dorthin zurückbringen wird.

Author

Mama von Mausebär & Hasenkind Weltenbummler, fest verankert in und um Köln. Im Herzen weiterhin Kanadierin, Spanierin und Brasilianerin. Crossfitter, Gewichtheberin und Eishockeyspielerin. Ernährungs-Besserwisser.

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