Die Leopoldina schlägt Kita Schließungen bis zu den Sommerferien vor. Ist das machbar? Und darf ich mir die KiTa überhaupt zurück wünschen? …Liebe Freunde der gepflegten Online-Diskussion. Es ist soweit. Ich will dann doch auch noch etwas dazu sagen – und holt euch ein Bier, denn das wird lang. Wenn ihr fertig gelesen habt, gebt doch auch gern euren Senf dazu. Die Diskussionsorgie – wie Mutti Merkel es heute nannte – darf auch hier gerne geführt werden. Ich bin gespannt was ihr hiervon haltet – aber erstmal alles auf Anfang.

Ich beginne zu schreiben, am Montag dem 19.04.2020. In Anbetracht der rasanten Entwicklungen weltweit wollte ich dies festhalten. Seit heute dürfen wieder mehr Geschäfte aufhaben, die ersten Schulen planen für die sukzessive Rückkehr ihrer ältesten und für die Prüfungen vorzubereitenden Schüler. Für unseren Mausebär aber gilt: Weiter ausharren.

Der letzte KiTa-Tag

Am 13. März habe ich M. nachmittags von der KiTa abgeholt. Herr Laschet, seines Zeichens NRW Ministerpräsident hatte noch nichts verkündet – aber doch ahnten es schon alle. Aufbruchsstimmung lag in der KiTa, alle nahmen alles mit was man gegebenenfalls bis Ostern brauchen könnte. Schönes Wochenende! (Haha, vielleicht auch länger!, wurde gescherzt.)

M. ist immer gern in die KiTa gegangen – aber 5 Wochen ohne ist machbar. Ich überlegte mir, dass sie in den Sommerferien ja auch fast 4 Wochen nicht hingehen würde. Dachte nach über die Home Office Tage die ich hatte, wenn sie krank war. Klar, ist das anstrengend. Aber sinnvoll und richtig. Und deshalb ganz sicher machbar, ohne Verluste.

Und so starteten wir die ersten zwei Wochen mit selbstauferlegter Komplett-Quarantäne, da meine Schwester ca. 14 Tage vorher in Tirol war. Einer ihrer Bekannten der mit dort war wurde in der ersten Woche der KiTa-Schließung positiv getestet. Wir sehen uns eigentlich regelmäßig und die Kinder knuddeln sich und teilen das Spielzeug – Grund genug sich zu isolieren. Zum Glück haben wir Verwandte in der Nähe, die ohne zu zögern für uns einkauften. Video-Calls mit den Großeltern hielten M. bei Laune. Und beide Eltern zu Hause die sich abwechseln konnten mit Arbeiten und Aufpassen, das ging eigentlich ganz gut. M. war eigentlich den ganzen Tag im Garten, mal mit mir und mal mit ihrem Papa. Wir genossen die gemeinsame Zeit richtig. Es hätte uns schlimmer treffen können – definitiv.

Alles andere als Ferien

Nach den 2 Wochen Quarantäne merkte man M. langsam an, dass ihr die anderen Kinder fehlten. Die KiTa Kumpels wurden aufgezählt, es wurde nach dem besten Freund gefragt. Wann kommen Oma und Opa wieder? Und wieso verdammt seid ihr, Mama und Papa, zwar 24/7 hier mit mir aber könnt mir nicht 24/7 Aufmerksamkeit schenken!?

Nun, wer soll es ihr verübeln? Wenn wir sonst Zeit mit ihr verbringen, arbeiten wir nicht gleichzeitig. Sie bekommt dann fast die komplette Aufmerksamkeit. Es wird den ganzen Tag gespielt, getobt, vorgelesen, gekuschelt, gekocht und gebuddelt. Und jetzt? Gucken wir oft auf den PC, telefonieren, tippen. Die Arbeit muss gemacht werden. Dann gibt esnzwei Tage Party (welche 1.5-jährige weiß schon was Samstag und Sonntag sind) nur um danach wieder 5 Tage zu sehen wie gearbeitet wird.

In Woche 4 muss M.s Papa wieder auf Arbeit. Mama ist von morgens um 7h bis abends um 22h alles – Mama, Spielkamerad, Vollzeitarbeitende, Koch. Vollzeitmama zu Hause.

Ich liebe meine Tochter und die Zeit zusammen ist ein Geschenk in dieser verrückten Zeit – aber trotzdem komme ich langsam an meine Grenzen, bin müde und habe nie den Kopf frei. Gleich muss ich kochen, die Windeln ist schon 3h alt, *pling* eine e-mail, wo war ich noch gleich in diesem politischen Text?! Ich falle abends erschöpft ins Bett und frage mich, wie lange das wohl geht. Wie der Neustart sein soll. Wieder Eingewöhnung in der KiTa? Wie geht es M. wirklich mit der Situation? Sie quatscht viel, ihr Wortschatz ist groß – aber erzählen kann sie es mir noch nicht. Und eigentlich geht es ja auch gar nicht um uns… uns geht es ja doch noch ziemlich gut. Aber was ist mit den Kindern die sonst zur Arche gehen? Die, deren Eltern weniger resistent, vielleicht sogar aggressiv sind? Kitas und Grundschulen haben einen Bildungsauftrag, klar, aber sie sind auch für manchen Kinder der sichere Hafen. Der Ort mit der warmen Mahlzeit und Respekt. Das mag an vielen von uns im Alltag vorbei gehen, aber es gibt viele dieser Kinder. Denen fehlt es nun an Dingen die die emotionale und soziologische Entwicklung nachhaltig beeinflussen können. Was ist mit denen?

Die wilde Welt der Statistiken

Ich lese viele Nachrichten und Statistiken zur Zeit. Ich will mir ein eigenes, fundiertes Bild machen. Eine Meinung bilden, die auf Fakten basiert. Aber die Fakten sind – wenn es um die geregelte Betreuung von Kleinkindern geht – erdrückend.

Am 02.04.2020 hat die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem YouTube Kanal „MaiLab“ ein Video zu Corona veröffentlicht. Mittlerweile hat sich gezeigt, was Mai am Anfang ihres Videos noch mangels Datenlage offen lassen muss: Dass die Maßnahmen die im März begonnen wurden durchaus bewirken, was sie bewirken sollten. Die Zahl der Menschen, die von einem Erkrankten angesteckt werden (R0) sinkt. „Flatten the Curve!“ Das heißt aber auch, das Mai’s Aussage richtiger ist als je zuvor in dieser Pandemie (basierend auf den Modellierungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, die man hier bekommt; ähnliche Modelle des RKI gibt es hier):

Je langsamer die Pandemie verläuft, desto weniger Menschen sind gleichzeitig infiziert und desto weniger Menschen brauchen gleichzeitig medizinische Behandlung. (…) Aber nun schaut mal auf die Zeitachse: Bei diesen Zahlen wäre die Epidemie (in Deutschland) erst nach einem Jahr vorbei, bzw. in den meisten Fällen noch später.

MaiLab Video „Corona geht gerade erst los“

Sprich: Je besser wir im Land R0 senken, desto länger dauert es. Desto länger brauchen wir Kontaktsperren und sehr ausgeklügelte Abstandsregelungen, die in Kitas nicht funktionieren. Aber: Desto weniger Tote haben wir eben auch. Und hier geht’s nicht nur um die Corona-Toten. Sondern nur so, nur ohne die Überlastung der Intensivstationen, können auch verunfallte Kinder, Herzinfarktpatienten oder ähnliches intensivmedizinisch behandelt werden. Es geht uns alle an. Soviel ist klar.

Hammer und Tanz

Es ist eine Zwickmühle – und die Wissenschaft sollte doch bestimmt Antworten haben. (Oder?)

Schon Mitte März hatte Tomas Pueyo auf Medium.com seinen Artikel „The Hammer and the Dance“ veröffentlicht. In seinem Titel spielt er auf die Analogie an, die er im Text verwendet: Erst kommt der Hammer, das Eindämmen der Epidemie im Land – und dann kommt, bis zur Impfung, der Tanz. Ein Schritt vor, ein Schritt zurück. Ein bisschen lockern, lokal wieder anziehen bei akuten Fällen. Immer wieder. Langsam, um ein R0 herum, dass es uns erlaubt allen Menschen zu so gut zu helfen wie im Land möglich – ohne dabei die Krankenhäuser zu überlasten. Wir kaufen uns Zeit. Zeit um mehr über das Virus zu erfahren, um auf einen Impfstoff zu warten, eine wirksame Medikation. Mit harten Mitteln aber der Effekt ist nachhaltig, wenn wir es denn einmal konsequent richtig machen und danach flexibel bleiben wie Ricky Martín – Un, dos, tres, un pasito pa’lante María; un, dos, tres, un pasito pa‘ atrás. (Bereits noch davor hatte er „Why you musst act now“ veröffentlicht, einen Artikel der bis Mitte März über 40 Millionen mal gelesen wurde. Auch dieser Artikel ist sehr lesenswert.)

What if you were about to face your worst enemy, of which you knew very little, and you had two options: Either you run towards it, or you escape to buy yourself a bit of time to prepare. Which one would you choose?

Tomas Pueyo, „The Hammer and the Dance“ on Medium.com

Deutschland – das kann man sagen – hatte es bis hierhin richtig durchgezogen. Das Kontaktverbot, das Home Office, das Klatschen und das Kleinkriegen von R0. Der Hammer hat gewirkt. Der Tanz wird losgehen. Und so hofften nach dem fast schon zu sonnigen Osterwochenende alle auf die Ergebnisse der Leopoldina. Der Wissenschafts- und Forschungsgruppe, die uns alle anleiten sollte. Quo Vadis, Kontaktverbot. Und was heißt ab demnächst überhaupt „normal“?

Es wird nicht alles sofort geöffnet – und gerade für die Kitas wird es wohl noch dauern… Soviel war für mich klar, während ich auf die Ergebnisse der Leopoldina wartete. So ähnlich kam es auch. Erste Geschäfte dürfen wieder öffnen, ein Teil der Schüler soll langsam zurück kehren. Aber das Kontaktverbot bleibt grundsätzlich bestehen – verlängert zunächst bis zum 03. Mai.

Missgunst und Missverständnisse

Zu den Kitas sagte die lang erwartete Studie der Leopoldina aber leider so gut wie gar nichts. Ein mickriger Satz. Sie sollten bis zu den Sommerferien geschlossen bleiben.

Wie das funktionieren soll? Auch dafür hat die Leopoldina einen mickrigen Satz übrig. „Dies setzt voraus, dass berufstätige Eltern weiterhin durch eine sehr flexible Handhabung von Arbeitszeiten und -orten sowie finanziell unterstützt werden.“ Total durchdacht, denkt man sich da. Es ist ja schön, dass wir das heere Ziel mehr Frauen und Alleinerziehende Elternteile von Kleinkindern in die Arbeitswelt (und aus der Altersarmut) zu ziehen in den letzten Jahren so toll voran getrieben haben – aber bräuchte es hier dann nicht ein bisschen mehr? Es ist ja schön, dass wir in Deutschland auch endlich die digitale Arbeitswelt ausweiten und die Möglichkeiten in diesen verrückten Zeiten mehr und mehr nutzen – aber kann das den Bildungsauftrag einer KiTa ersetzen und die Eltern befähigen weder Kind noch Beruf zu vernachlässigen?

Gerade die Kinder die ab Sommer in die Schule gehen und nun Vorschule hätten, Parties und Verabschiedungen. Kann man das im Kontaktverbot auffangen? Nicht alle Kinder gehen in die KiTa und viele werden Vollzeit von ihren Mamas betreut – oft aber gehen diese Kinder in den Musikgarten oder auf den Spielplatz, zum Kinderturnen oder treffen die Nachbarn. Können Eltern diese Situationen für das Erleben und Erlernen von Sozialkompetenzen im Kontaktverbot ersetzen?

Man hörte keinen echten Aufschrei. Ein kleines Raunen vielleicht, in den Kommentarspalten der großen Zeitungen (z.B. hier in der Welt). Hauptsache die kleinen Läden dürfen wieder öffnen. Ich selbst bin hin und hergerissen zwischen „unfassbar, wie soll das gehen“ und „naja, wie sollen die Kleinsten auch Abstand halten“. Und doch lasse ich mich zu einem Kommentar auf meiner Facebook Seite hinreißen. Ich stelle die ernstgemeinte Frage, ob sich vor dieser Aussage auch kritisch damit befasst wurde, was es mit Kindern macht, monatelang die KiTa verwehrt zu bekommen.

Es dauert nicht lange, bis der erste Kommentar meine (in meinem Post überhaupt nicht erwähnte) Erschöpfung relativiert und mich fragt ob das nun wirklich so schwer sei. Ich müsse immerhin nicht in einem Bunker hocken und von oben fliegen die Bomben. Ich müsse lediglich zu Hause bleiben.

Nun gut. Wir wissen alle wie es ist, mit der Internet-Kommunikation. Sie ist schwierig. Die Mimik fehlt, die Tonlage ebenso. Es ist schnell was getippt, man fasst sich kurz, ist selten mit 100 Prozent Aufmerksamkeit dabei. Also erkläre ich mich, editiere meinen Beitrag, hänge noch einen Text der Süddeutschen an.


Vorschlag der Leopoldina: KiTas erst im Sommer öffnen.

Hat auch mal jemand überlegt was das mit den Kindern von arbeitenden Eltern macht; die nebenher Betreuung und Arbeit im HO leisten sollen, ohne andere Kinder zum austoben, immer nur mit halber Aufmerksamkeit…?!

Edit: Ja. I know: first world problem. Zu mindest wohl für mich. Ich meine aber nicht nur unsere Tochter, auch wenn es für sie schwer zu verstehen ist. Ich meine die Kleinkinder die jetzt zu Hause wirklich Probleme haben. Fehlende Struktur, fehlende ordentliche Mahlzeit, Eltern die vlt mit dem Druck oder der Kurzarbeit nicht umgehen können etc. Für viele Kinder sind Schulen und KiTas ein sicherer Ort und Raum für Entfaltung und Förderung der zu Hause fehlt. 
Vlt ist auch das noch ein first world problem. Aber eins dass man vermeiden sollte, so gut es geht. Und ich frage mich – so stehts ja auch oben – ob diese Perspektive überhaupt einbezogen wurde.

ich, auf meinem Facebook Profil

Der Gegenwind zu meiner Aussage verschwand. Aber in den letzten Tagen geht es weiter hoch her. Frauen in reinen Frauengruppen sind ja bekannt dafür, dass sie bissig sein können. Was man jedoch in den Mutti-Gruppen auf Facebook zur Zeit liest ist harter Tobak. Missgunst ins alle Richtungen, Beleidigungen, Anfeindungen. Wer nach der KiTa ruft nimmt offensichtlich den Tod seiner Kinder und von Oma und Opa missbilligend in Kauf – ach, systemrelevanter Beruf? Na Pech für Dich, Augen auf bei der Berufswahl. Wer hingegen sowieso zu Hause ist und deshalb sagt die Kitas sollten keinesfalls öffnen wird als „Berufsehefrau“ oder „Mutti am Herd“ verunglimpft. Ach, du bist noch in Elternzeit? Na Pech für dich, du könntest ruhig wieder arbeiten gehen! Wer mit Kind einkaufen gehen muss oder sich keinen Urlaub / Elternzeit mehr leisten kann, soll sich nicht so anstellen. Ach, du bist Alleinerziehend? Na Pech für dich, lass dir halt kein Kind anhängen.

Bei manchen ist der Alltag in Zeiten von KiTa Schließung und Kontaktsperre auch mit mehreren Kindern und Job ein Selbstläufer, bei anderen türmt sich die Wäsche und das Geschirr. Es ist nur menschlich, dass es beides gibt – vermutlich in Phasen. Unterstützung für die, denen es über den Kopf wächst gibt es aber wenig. Anmaßende Kommentare dafür zu Hauf unter den Artikeln und den Beiträgen von Zeit, Süddeutsche und Stadtanzeiger.

Im Internet ist immer irgendwer beleidigt. Mittlerweile wissen wir ja auch alle irgendwie damit umzugehen – es sind einfach unfassbar viele Meinungen auf einen Haufen. Aber in der aktuellen Situation – einem gesellschaftlichen Experiment eigentlich – bewegen wir uns auf einem sehr, sehr schmalen Grad. Es haben ja beide Seiten nicht unrecht. Die KiTa ist wichtig, die Gesundheit auch. Und wir wissen so wenig – ja immer noch verdammt wenig – über das Virus, die Immunität und die Verbreitung. Die Nachrichten überschlagen sich. Schweden will laut Nachrichten noch im Mai in Stockholm Herdenimmunität erreichen – etwas das laut Aussage von Helge Braun in Deutschland so nicht machbar ist. Dietmar Hopp tritt auf und faselt etwas von Durchbrüchen bei Impfstoffen – obwohl es gegen andere Corona Viren immer schon schwer war gute, wirksame Impfstoffe zu entwickeln (und selbst wenn es schnell geht muss man mit 18 Monaten rechnen).

Ich kann sie verstehen, die Eltern der Risiko-Kinder. Die Eltern die aufschreien, „Lasst die Kitas zu!“ – denn spätestens an der Supermarktkasse trifft man sich, auch wenn man die eigenen Kinder zu Hause gelassen hat.

Aber ich kann sie auch verstehen, die Eltern in die auf dem Zahnfleisch gehen und es nicht mehr hören können das „stellt euch nicht so an“, während sie sehen wie viele der zu schützenden Gruppe der Rentner sich bei Sonnenschein zusammen in den Garten setzt.

Harald Lesch, der bekannte ZDF-Professor der zur Zeit auch Corona Spezialfolgen macht, hat in einem Interview mit dem Focus das, was wir hier im Moment machen als „zivilisatorische Hochleistung“ bezeichnet. Warnte aber auch vor dem, was ich im Internet aber auch um mich herum zu vernehmen meine:

Es existiert ein Phänomen namens „desaster fatigue“, also eine Art Katastrophenmüdigkeit. Wenn man nicht absehen kann, dass es besser wird, ist das für viele eine große Belastung.

Harald Lesch, Interview mit dem Focus

Gleichzeitig warnt Christian Drosten, Virologe der Charité Berlin schon jetzt vor einer zweiten Welle, die außer Kontrolle geraten könnte.

Am wenigsten betroffen, am härtesten getroffen

Jeder der kleine Kinder hat oder schonmal welche durch die Kindergarten Zeit begleitete weiß: Die kleinen sind wahre Virenschleudern. Sie bringen alles nach Hause, man merkt es ihnen kaum an, und dann liegt die ganze Familie flach. Aber es ist doch ein bisschen ironisch, dass die Kleinen, denen das Virus am wenigsten anhaben kann am härtesten von den Schließungen und Kontaktsperren im Land betroffen sind. (Ja, der aufmerksame Nachrichtenleser weiß: Corona kann jeden Treffen und Verläufe können immer schwer sein. Das gilt aber für vieles, daher halte ich mich hier an die statistische Relevanz.) In Island sind die KiTas trotzdem auf – denn dort gab es eine kleine Studie in der per Zufall 13.000 Menschen getestet wurden bei der kein Kind unter 10 Jahren infiziert war und den Virus hätte weitergeben können.

Und ich frage mich weiterhin: Wieso wurde all das in den Papieren der Leopoldina gar nicht besprochen? Mittlerweile ist der Ausschuss ja regelrecht bekannt dafür, dass es mehr Männer namens Thomas (nämlich 3) als Frauen (2) gab, bei insgesamt 26 Wissenschaftlern; und Kinder unter 16 hatte von diesen Wissenschaftlern wohl auch keiner. Muss das sein, in der heutigen Zeit? (Siehe auch diesen Artikel auf Edition F.)

Es gibt bisher keinen Plan für die Kitas. Und so steht sie da, die Empfehlung der Schließung bis etwa August. Und daneben die verlängerte Kontaktsperre. Die Süddeutsche hat es in einem Folgeartikel zu dem oben genannten nochmal auf den Punkt gebracht:

Oder ist in jüngster Zeit schon mal ernsthaft thematisiert worden, dass es zwar nett für Joggingpartner ist, dass zwei Personen sich in der Öffentlichkeit treffen dürfen, dass ein Kind seine Freundin dadurch aber trotzdem nicht treffen darf, weil es ja nirgends alleine hin kann?

Henrike Roßbach, Kommentar in der Süddeutschen Zeitung „Die lausigen Krisenmanager der Bildungspolitik“

Und wer diskutiert eigentlich, was da von den Eltern geleistet wird? Auch das ist durchaus systemrelevant, denn ohne die Doppelbelastung würde es nicht funktionieren. Der Hammer nicht. Der Tanz nicht. Um mal bei der Analogie von Tomas Pueyo zu bleiben.

In den letzten Wochen hat die Gesellschaft an Solidarität aufgebracht, was wir sonst in Jahren nicht zusammen kriegen. Lauter systemrelevante Puzzleteile – manche erkannt, manche nicht. Jutta Allmendinger beschreibt das ganze im SPIEGEL Gastkommentar als einen Schuldenberg des Vertrauens. Solidarität, so sagt sie, leiert schnell aus. Und wir müssen sie wohl noch eine Weile am Leben halten – in der Hoffnung das die Jungen für die Alten daheim bleiben, und dann doch die Alten irgendwann auch im Klimawandel in Retoure die Kurve kriegen. Die Pflegeberufe riskieren Ansteckungen, und hoffen doch statt Klatschen auch irgendwann eine bessere Bezahlung zu bekommen. Die Eltern meistern Betreuung und Job, weil doch irgendwann wieder alles läuft und der Arbeitgeber einen bis dahin hoffentlich nicht wegen mangelnder Leistungen abgestempelt hat. Als Beispiel.

Das heißt aber auch: In den vergangenen Wochen haben sich riesige Erwartungen aufgebaut, die weit über ökonomische Transfers hinaus gehen. Vor uns liegt ein hoher Stapel von Wechselchecks.

Jutta Allmendinger, Gastkommentar auf SPIEGEL.de „Der Schuldenberg des Vertrauens“

Wir müssen weiter solidarisch sein. Vertrauen haben. Aber dafür braucht es einen Plan. Einen guten, den jeder versteht, den man verfolgen kann. Aber wir fliegen auf Sicht im Nebel.

Telefonat mit D.

Letzte Woche hat uns M.s Bezugsbetreuerin und Lieblingserzieherin D. angerufen. Sie wollte wissen wie es uns geht, uns wissen lassen dass sie auf M.s Brief geantwortet hat und die Post bald kommen sollte.

Auch nach 4 Wochen wusste der Mausebär wer dran ist am Telefon. Es dauerte etwas, aber dann rief sie. „Hallo! Hallo D.“ Nachdem wir aufgelegt hatten erklärte sie es mir noch mehrmals. „War das! D.! Telefon war das!“

M. weiß noch viel von der KiTa. Noch. Sollte die KiTa Schließung wirklich bis Sommer dauern müssten wir sie wohl neu eingewöhnen. Da helfen auch die lieben Videos der leeren KiTa, die Fotos der Betreuer nichts. Es wäre machbar, aber schön wäre es nicht. Viel wichtiger noch ist es aber, dass die Kontaktsperre nicht so lange dauert. Kinder brauchen Kontakte. Zum lernen. Zum sozialisieren. Zum toben. Habe ich doch manchmal ein schlechtes Gewissen Vollzeit zu arbeiten und M. in die KiTa zu schicken, so habe ich nun Sorge dass ihr Nachteile entstehen weil die KiTa (und auch alle alternativen Angebote) geschlossen sind. Und dann ist da wieder die Frage: Wenn die Kontaktsperre nicht mehr besteht, und Kinder sich privat treffen – hebelt man damit nicht eh alles aus? Könnten dann die Kitas nicht gleich öffnen? Darf ich sowas überhaupt denken, was wenn M. dann ihren Opa ansteckt? Und wieder fällt mir ein: Es geht doch auch gar nicht wirklich um mich und M. und ihren Papa. Es geht um die Risikogruppen, aber auch jene Risikokinder die Corona nicht fürchten müssen sondern ihre Eltern die mit der Ausnahmesituation / Kurzarbeit / Lohnausfall nicht umgehen können.

Der Sozialethiker Peter Dabrock hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk die lange Schließungsforderung der Leopoldina für Kitas als schweren Eingriff in die Grundrechte betitelt.

Dabrock sagte gegenüber Deutschlandfunk Kultur, für manche Kinder würde „eine Welt zusammenbrechen“ sofern die Regierung der Empfehlung der Leopoldina folgt. Ein halbes Jahr ohne gleichaltrige Freunde – für M. wäre das 1/4 ihres bisherigen Lebens. Eine Ewigkeit.

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34. Mama vom Mausebär. Weltenbummler, fest verankert in Köln. Crossfitter und Eishockeyspieler. Ernährungs-Besserwisser.

18 Comments

  1. Auch wenn ich keine Kinder habe, sehe ich was es mit den Kleinen macht an den Kindern meiner Mitarbeiterinnen. Wenn ich dann auch noch bemerke, dass Spielplätze hermetisch abgeriegelt sind, dann kann ich mir die Frustration der Kinder sehr gut vorstellen. Eltern haben es auch schwer. Ich bin meinen Mitarbeiterinnen sehr dankbar, dass sie weiterhin treu in die Praxis kommen und einen super Job machen.
    Alles Liebe
    Annette

    • Danke für den Kommentar, Annette. Ja es ist wirklich irgendwie „messy, with a silver lining.“ Ich habe auch Glück dass ich verständnisvolle Kolleginnen und Kollegen habe und eine tolle Chefin. Die hat ja leider nicht jeder. Schön dass Du das bei deinen Mitarbeiterinnen mitbekommst und honorierst – dass ist sehr wertvoll!

  2. Liebe Katharina,

    ein toller Artikel ist das geworden und er beleuchtet wirklich gut die aktuelle Situation. Auf der einen Seite bin ich froh, dass mein Kind kein Kindergartenkind mehr ist, aber auf der anderen Seite ist so ein Schulkind in den letzten Wochen auch kein Segen. Denn er ist leider noch nicht in dem Alter, wo er selbstständig alle Aufgaben erledigen kann. Und da kommen wir ins Spiel. Vollberufstätig, mein Mann in einem systemrelevanten Beruf (so ein blödes Wort) und ich im Homeoffice. Multitasking? Bei mir nicht möglich, mein Job erfordert höchste Konzentration. Schularbeiten? So viele, dass sich Verzweiflung breit macht – auf beiden Seiten. Wie soll das geschafft werden? Und ich habe oft nicht den Eindruck, dass sich dort jemand wirkliche Gedanken um die Eltern gemacht hat.
    Der einzige Lichtblick. Mein Arbeitgeber macht viel Möglich und dafür bin ich dankbar.

    Bleibt gesund und haltet durch.

    Liebe Grüße
    Mo

  3. Das ist ein toller Artikel. Ich selbst habe noch keine Kinder, aber man bekommt es ja aus dem Umfeld mit. Mein Bruder darf auch noch nicht in die Schule und der kleinere darf auch schon lange nicht in den Kindergarten. Das ist natürlich für die Kinder auch nicht einfach. Da kann man nur hoffen, dass es bald wieder bergauf geht.

    Liebe Grüße
    Steffi

  4. Hi Anna,

    Gut recherchiert, gut geschrieben und völlig zu Recht ab und zu auch mit Meinung versehen…
    Ich kann noch einen oben drauf setzen und schreibe dies um 1:45 morgens, da ich a) bis eben gerade gearbeitet habe und b) einfach noch zu sauer zum schlafen bin:
    Die Stadt Köln, die eigentlich die chemische Rohstoffindustrie seit letzter Woche mit in die Liste der systemrelevanten Berufe mit aufgenommen hat, windet sich mit dem Satz “ Home Office ist nicht möglich, um die dringenden Aufgaben erledigen zu können“ voll aus der Verantwortung für die Notbetreuung heraus.
    Denn ja, mein Mann und ich können von Zuhause arbeiten, also steht uns die Notbetreuung nicht zu. Heißt das, dass wir beide unseren Job und die genannten „dringenden Aufgaben“ mit gleichzeitiger Betreuung eines 2-Jährigen 100% erledigen können?
    Wir versuchen es, aber die ehrliche Antwort ist: „Hell, No!!“
    Insofern: haltet alle durch und euch mit negativen Kommentaren zurück.
    Die Krise ist schon schlimm genug, da kann ich deiner Verwunderung über die ganze Missgunst nur zustimmen.
    Bleibt gesund und grüß den Mäusebär virtuell!
    LG, Anna

  5. Hallo liebe Anna, bin mit dieser Seite der Coronakrise noch nicht konfrontiert worden. Aber schon oft haben darüber diskutiert zu Hause, was Familien mit kleinen Kindern gerade stemmen müssen. Alles Gute für Dich und Deine Lieben Birgit

  6. Meine Tochter ist zwar schon lange aus dem Kita-Alter raus, aber ist auch sehr frustriert, dass sie seit Wochen zu Hause lernen muss und ihre Freunde nicht sehen kann. Ich muss/“darf“ ab heute wieder zur Arbeit und bin gespannt, wie frustriert meine Therapiekinder und ihre Eltern sind, auf die ich nach fast 5 Wochen zum ersten Mal wieder treffen werde! Der Hauptteil ist besorgt und wollte nicht kommen, dem Rest müssen wir es wegen Systemrelevanz anbieten, obwohl ich befürchte, dass Abstand halten so gut wie gar nicht möglich sein wird! Ich bin da auch geteilter Meinung! Kein Sigmatismus (Lispeln) Ist so wichtig, dass wir uns aktuell in Gefahr bringen müssen! Denn mit Mundschutz kann man den nicht therapieren 😉

    Liebe Grüße
    Jana
    Jana kürzlich veröffentlicht…Aufstellen, Ernten, Genießen – so einfach geht Pilzzucht zu Hause (Werbung)My Profile

  7. Ich ziehe aktuell vor allen mit Kinderbetreuung den Hut, das ist wirklich nicht einfach, egal, ob systemrelevanter Beruf oder nicht. Zuhause die Kinder zu bespaßen und im Zweifel mit Ihnen auch zu lernen erfordert einiges an Zeit und Kraft neben dem normalen Alltag. Ich glaube es ist einfach für alle eine sehr anstrengende Zeit und die Nerven liegen bei vielen Blank. Ich wünsch dir ein gutes Durchhaltevermögen.

    Viele Grüße Eileen von http://www.eileens-good-vibes.de
    Eileen kürzlich veröffentlicht…Meine Erfahrung mit dem Achtsamkeitsbasierten Stressmanagement (ABSM)My Profile

    • Danke! Ja, es ist eine hohe Doppelbelastung. Ich glaube, was vor allem fehlt ist der Plan. Das Ziel vor Augen. Die Senkung von R0 ist einfach zu abstrakt, so lange wir nicht genau wissen was das wann für die kleinen Kinder bedeutet… Mit Perspektive ist so eine Doppelbelastung einfacher durchzuhalten. Wir werden sehen – ich bin gespannt wie es weiter geht. 🙂

  8. Liebe Katharina!
    Ich arbeite als Erzieherin in einer Kindertagesstätte mit knapp 70 Kindern.
    Wir betreuen sowohl Krippenkinder, als auch Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren.
    Ich liebe meinen Beruf.
    Die Arbeit mit den Kindern ist mitunter wirklich nicht leicht und kann sehr anstrengend sein und doch finde ich es schön, dass man sich gegenseitig so viel geben kann.
    Mein besonderes Steckenpferd sind Exkursionen für die Kinder in die nähere und auch etwas fernere Umgebung, weil ich den Kindern möglichst viele Erlebnisse und Möglichkeiten sich zu entfalten bieten möchte.
    Die aktuelle Situation ist für uns alle nicht leicht, auch für meinen Berufsstand nicht.
    Wir wechseln zwischen Home Office und Notgruppe hin und her, ständig konfrontiert mit immer neuen Regelungen.
    Auch wir sind verunsichert und fürchten um unsere Gesundheit und die unserer Mitmenschen.
    Da ich durch meine Arbeit engen Kontakt zu meinen Mitmenschen leider nicht vermeiden kann, treffe ich mich schon seit über einen Monat nicht mehr mit meiner Familie, aus Sorge, sie unwissentlich anzustecken.
    Wir selbst bekommen keinen Mundschutz oder derartiges, wie in anderen systemrelevanten Berufen.
    Wir geben unser Bestes und versuchen für alle Beteiligten das Beste aus der Situation zu machen.

    Liebe Grüße, Cristina

    • Danke Cristina,
      es ist toll hier auch die Meinung einer Erzieherin dabei zu haben. Ich habe höchsten Respekt vor diesem Beruf. Die Verantwortung ist enorm hoch – schon im „normalen“ Alltag und jetzt noch mehr. Ich bin ja auch großer Verfechter der KiTa, weil es einfach toll ist was den Kindern dort geboten wird (gut – wir haben auch wirklich eine Traum-Kita ;)) und ich glaube fest dass ein geregelter KiTa Alltag vielen Kindern einen besseren Start ins Leben geben kann, wenn sie aus Familien kommen die Förderung für Kleinkinder nicht leisten können (warum auch immer).
      Ich bin gespannt wie es weiter geht – diese Gratwanderung zwischen Schutz und geregeltem Miteinander auf allen Ebenen.
      Danke für Deinen Einsatz!
      Katharina

  9. Als Psychologin sehe ich die Schließungen von Kindergärten und Schulen vor allem für die Kleinen, sehr kritisch. Schule und Kindergarten ist einfach so viel mehr als nur Lernen. Es sind Begegnungen, Freundschaften, soziale Kontakte und das „Wachsen“ in der Gruppe. Ich finde der Shut Down war auch in Österreich sehr wichtig, aber ob alle Maßnahmen so gerechtfertigt waren, wird man erst später feststellen. Der Virus ist nicht verschwunden und wird es wohl auch nicht. Wir werden mit ihm leben müssen bis es eine Impfung oder Medikament gibt. Bei uns öffnen in Österreich Schulen und Kindergärten wieder. Ich bin gespannt welche Auflagen und Maßnahmen es da geben wird…

    lg
    Nena

    • Liebe Nena,
      vielen Dank für Deine Meinung aus Sicht einer Psychologin. Genau das ist auch einer meiner Gedankengänge… Nicht als Profi, aber halt als Mama die ja sieht was die KiTa für die Entwicklung von M. bedeutet.
      Eine Medaille mit definitiv mehr als zwei Seiten. Ich möchte da grad, ehrlicherweise, auch nicht die Entscheiden sein. Wer weiß in so einer nie-diagewesenen Situation schon was richtig ist. Wie Du sagst: Vermutlich wissen wir erst rückwirkend welche Entscheidungen die richtigen waren.
      Interessant dass in Österreich die Kitas wieder öffnen – in Niederlanden wohl auch, in Island waren sie nie zu. Ich bin gespannt was wir dann in den nächsten Wochen daraus lernen können.

      Herzliche Grüße ins Nachbarland,
      Katharina

  10. Hi Katharina,

    Wow great Article with a lot of quotes and work! Yes the topic is not easy at all. I have seen myself in what you have written. With 3 kids at home, there are days in which everything is too much…work, home schooling, entertaining of a 2-year-old, breakfast, lunch, dinner, dishes, and hurry up mama and papa need to work!!! On the other side, I realised in this time that I am SEEING my kids much more than before, doing things with them during the week that I never do in „normal“ life. Is that not sad to say in „normal“ life??? Still I think it has to be now time that we allow kids to have contact to the external world even if it is for a short period of time…for me you pointed it out well with the perspective. We need one, this is what makes us look forward to hopefully a bright future!
    All the best my dear,
    Sonia

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