Es gibt Filme, die will ich unbedingt sehen, obwohl ich weiß dass es schwer anzusehen sein wird. Und zwar nicht, weil es einfach grottenschlecht ist, oder weil die Charaktere sich prima zum Fremdschämen eignen. Nein, diese Filme sind schwer zu ertragen weil es einem das Herz bricht. Systemsprenger von Nora Fingscheidt ist so ein Film.

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

– www.systemsprenger-film.de

Der Teasertext der Website des Films verrät schon einiges, aber eigentlich geht es nach dem Eingriff durch Micha und die Erziehungsmaßnahme im Wald für den Zuschauer erst richtig los. Denn plötzlich sind wir geneigt hinter jeder Ecke endlich Frieden für das Kind zu finden. Geborgenheit. Regelmäßigkeit. Irgendeine Konstante. Und immer wieder gibt es einen Haken. Immer wieder setzt etwas die Wut in Benni frei – manchmal aus verständlichen Gründen, manchmal aus einer völlig harmlosen Situation heraus. Aber warum ist egal… Es bricht einem das Herz.

Das liegt sicherlich am Spiel von Albrecht Schuch, der den harten Micha mit weichem Kern gibt – aber insbesondere an der herausragenden schauspielerischen Leistung von Helena Zengel, die mit unfassbarer Wucht auf den Zuschauer trifft. Und man glaub es ihr. Dass sie eigentlich einfach nur bei Mama (Lisa Hagerster) im Arm sein will. Und dass sie sich selbst nicht halten kann.

Lisa Hagmeister (Bianca Klaas), Helena Zengel (Benni)

Gerade als Mama durchlebt man ein Wechselbad der Gefühle. Was hat man diesem Kind angetan, dass es so wurde? Und damit meine ich nicht nur die Traumata die Benni von zu Hause mitbringt, sondern insbesondere den Durchlauf durch ein System voller Wechsel, Medikamente und Übergangslösungen.

Es ist schwer mit anzusehen. Wirklich schwer. Gegen Ende weiß man nicht, was man selbst von Benni halten soll. Sie hat es so verdient – und im gleichen Moment weiß man, dass die Situation eigentlich nur aus dem Ruder laufen kann. „Tu das nicht! Tu das nicht!“ denkt man sich, und guckt und hofft das Beste.

Albrecht Schuch (Micha)

Und immer wieder frag ich mich: Könnte mir mein Kind so entgleiten? Könnte ich mein Kind so verraten? Und tue ich Bennis Mutter damit nun Unrecht?

Der Film hat mich sehr berührt. Und ich bin immer noch nicht ganz sicher, mit was für einem Fazit ich rausgegangen bin. Ob es überhaupt eins gibt. Ein Ende, für eine solche Geschichte… Auch wenn der Film am Ende nicht auf der Oscar-Shortlist gelandet ist, er ist absolut sehenswert. Manchmal muss man sich auch etwas anschauen, was einem zum Denken zwingt. Zum Fühlen. Ja eigentlich sind diese Filme doch die, die das Kino zum Kino machen.

Mein Tipp an euch also: Schaut Systemsprenger.
Auf Netflix ist er zu sehen und auf Sky kann man ihn ausleihen. Ihr werdet es nicht bereuen!

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34. Mama vom Mausebär. Weltenbummler, fest verankert in Köln. Crossfitter und Eishockeyspieler. Ernährungs-Besserwisser.

1 Comment

  1. Liebe Katharina,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Ich habe den Film auch noch auf meiner Liste – aber bisher habe ich mich nicht getraut ihn zu schauen. Überhaupt fällt mir das Schauen von Filmen bei denen es Kindern schlecht geht sehr viel schwerer seit ich selbst Mutter bin – ein Trick der Natur? Die Hormone? Ich weiß es nicht.
    Aber ich werde ihn mir bestimmt noch anschauen, der Trailer ist einfach zu gut!

    Viele Grüße,
    Tina

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