Die allermeisten Babies krabbeln. Manche robben oder rutschen erst sehr lange, manche laufen bereits wenige Wochen später – aber am Ende haben doch fast alle Kinder einen kurzen Krabbelmoment. Und dieser ist für die psychische und motorische Entwicklung und die Muskulatur für den rest des Lebens enorm wichtig.

Aber warum ist das so? Schauen wir uns erstmal die Motorik an.

Krabbeln will gelernt werden

Krabbeln bedeutet Unabhängigkeit und trainiert die Tiefenmuskulatur, die man für Stand und Gehen unbedingt braucht. Aber das Krabbeln klappt natürlich nicht (naja, äußerst selten) auf Anhieb.

Viele Kinder beginnen mit dem Robben. Wie ein Soldat beginnen sie sich mit den Händen nach vorne zu ziehen und rutschen auf dem Bauch hinterher. Manche machen dazu noch eine hopsende Schwimmbewegung, und holen so Schwung. Mit T-Shirt kann Baby so auch richtig auf Geschwindigkeit kommen – unser Mausebär ist auch mit zehn Monaten robbend noch schneller unterwegs als krabbelnd, da sie letzteres eher spät gelernt hat und sie zwischen robben und krabbeln erstmal mit hochziehen und hangeln beschäftigt war.

Das Robben stärkt die Arm- und Schultermuskulatur. Diese wird benötigt um den Oberkörper mit dem schweren Kopf auf den aufgestützten Händen zu tragen, bevor der Rest des Körpers dazu kommt.

Als nächstes geht es in den Vierfüßler-Stand. Popo hoch und wippen. Das stärkt den unteren Rücken und bewegt die Hüfte. Auch die Brust- und Halsmuskulatur sowie die Beinchen werden dadurch gestärkt.

Wenn die Koordination von Armen und Beinen dann einmal gelernt sind, und das Baby ein Gefühl für das Gleichgewicht bekommen hat, gibt es schnell kein Halten mehr. Und mit jedem gekrabbelten Schritt stärkt das Baby die Tiefenmuskulatur auf der es ein Leben lang aufbauen wird.

Mit dem Krabbeln entwickeln sich weitere Fähigkeiten

Wenn gekrabbelt wird, kann das Kind neue kognitive Fähigkeiten entwickeln. Distanzen zu berechnen und abzuschätzen ist so eine neue Fähigkeit. Spielzeug das nicht direkt vor der Nase liegt wird interessant. Wie komme ich dahin? Wie weit ist es wohl (und traue ich mich soweit weg)? Ist etwas anderes näher? Das Baby lernt einen Punkt zu fokussieren und sich gezielt auf ein Ziel hinzubewegen. Auch das Aufheben und halten des Gleichgewichts gehören dazu und wirken sich positiv auf die Hand-Auge-Koordination aus.

Die so erlernte räumliche Wahrnehmung, das Gleichgewicht auf 3, respektive 4, Stützpunkten und die Auge-Hand-Koordination sind in der ersten Lebensphase grundlegend, um das vestibuläre System (den Gleichgewichtssinn) auszubilden und so später Stürze und Stolpern zu verhindern. 

Auch in der Schule werden diese kognitiven Fähigkeiten wichtig, da diese Kinder schneller Lesen und Schreiben lernen.

Krabbeln stärkt das Hirn

Das versetzte Bewegen von Beinen und Armen (linker Arm, rechtes Bein bzw. umgekehrt) stärkt außerdem die Verbindung und Koordinierung der beiden Gehirn- und Körperhälften. Das Hirn hat zwei Hemisphären, die nur in der Mitte an einem „Strang“ („Corpus callosum„) verbunden sind. Über diesen kommunizieren die Hirnhälften miteinander.

Das Kommunizieren der beiden Hemisphären ist für das funktionieren unseres Bewegungsapparates und unserer Psyche enorm wichtig, da die linke und die rechte Seite jeweils unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

Die linke Hemisphäre ist zuständig für Dinge wie Sprache, Mathematik und Zahlen, logisches Denken und das Abstraktionsvermögen. Die rechte hingegen für künstlerische Begabung, Kreativität, Vorstellungskraft und Einsicht.

Sollte ich meinem Kind helfen?

Das Kind lernt das Krabbeln gewöhnlich (also wenn keine körperlichen oder geistigen Einschränkungen vorhanden sind) von allein. Zumeist zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat, wobei auch einige Kinder später dran sind – vor allem wenn sie das Robben perfektioniert haben, sich schon hochziehen oder Essen erstmal spannender finden. Man kann nicht alles auf einmal lernen.

Deswegen ist der wichtigste Rat wahrscheinlich auch: Einfach Zeit geben. Nichts forcieren.

Die Fortbewegung zu erlernen ist ein natürlicher Prozess, der nicht nur viele Schritte beinhaltet sondern auch sehr gezielt bestimmten Vorraussetzungen in Kraft und Muskulatur folgt. Wenn das Baby es also alleine bis zum Krabbeln schafft, ist es wahrscheinlich auch körperlich bereit dazu und vermeidet somit Verletzungen und spätere Folgen durch Fehlhaltung.

Hinsetzen allerdings ist kontraproduktiv. Und damit meine ich das hingesetzt werden in den aktiven Sitz (also alleine sitzend) durch einen Erwachsenen. Denn nur weil Kinder nicht umfallen wenn man sie hinsetzt, können sie noch nicht vollständig „sitzen“ – dazu gehört nämlich auch das Verständnis des Sitzens („wenn ich mich nach hingen lehne falle ich tief“ sowie das selbständige einnehmen und verlassen der Sitzposition. Sehr viele Kinder können das erst nachdem(!) sie krabbeln können – auch wenn das für viele Eltern verwirrend ist. Unsere Maus konnte sich irgendwann zwischen Robben und Krabbeln lernen selbst hinsetzen.

Die Moral von der Geschichte…

…laufen lernen eilet nicht.

Wenn euer Kind sich wie unsere kleine Madame schon bevor es krabbeln kann überall hochzieht und auch mal losläuft (und umfällt… Achtung… ;), dann nehmt das nicht als Aufforderung das Laufen zu forcieren.

Lasst die Kinder mal machen. Und wenn sie Krabbeln, krabbelt hinterher. Gejagt werden macht nicht nur super viel Spaß, sondern trainiert auch den Jäger – also Mama und Papa. Krabbeln hat nämlich auch nach dem 1. Geburtstag noch positiven Einfluss auf Muskulatur und Gehirn – der gemeine Crossfit-Fan nennt das dann Bearcrawl und zack ist es eine anstrengende, krasse Fitnessübung.

Author

34. Mama vom Mausebär. Weltenbummler, fest verankert in Köln. Crossfitter und Eishockeyspieler. Ernährungs-Besserwisser.

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