Plötzlich steht dein Kind mit weit aufgerissenen Augen im Türrahmen, zittert am ganzen Körper und weint. Wo brennt es? Wer ist verletzt? Was ist passiert? Doch es ist niemand schwer verletzt und es ist auch in der realen Welt gar nichts passiert. Es hat etwas Gruseliges gesehen. Und die Angst und der Schreck sind so real wie bei einem echten Unfall oder Schrecken.
In unserem rasanten digitalen Zeitalter reicht dafür oft schon ein winziger Moment der Unachtsamkeit. Ein unbeabsichtigter Klick, und schon ist der naive Medienkonsum von Regenbögen und Teddybären etwas gewichen, was wir eigentlich von unseren Kindern Fernhalten wollten. Und die Statistik zeigt: Du bist damit absolut nicht allein, und es bedeutet nicht, dass du als Mutter etwas falsch gemacht hast. Viel zu viele Kinder sehen viel zu grausame Bilder viel zu früh. Und es wird immer mehr.
Kleiner Klick mit großen Folgen
Es ist heutzutage schlichtweg unrealistisch, Kinder vor jedem unpassenden Bildschirminhalt dauerhaft bewahren zu wollen. Die Allgegenwärtigkeit von Smartphones, Tablets und Smart-TVs führt dazu, dass gruselige Bilder, komplette Horrorfilme und gewaltvolle Kurzfilme schneller im Kinderzimmer landen, als wir gucken können. Genau deshalb ist eine solide Medienkompetenz heute ein unverzichtbarer Grundpfeiler in jedem Familienhaushalt. Es geht längst nicht mehr nur darum, Bildschirme dogmatisch zu verbieten. Vielmehr müssen wir unsere Kinder stark und kompetent im Umgang mit dem machen, was sie dort unweigerlich irgendwann sehen werden. Sie vorbereiten, die richtigen Dinge auszuwählen und zu wissen, wann man einen Erwachsenen dazu holt.
Wissenschaftliche Erhebungen verdeutlichen, wie früh der Kontakt mit gruseligen Inhalten heute stattfindet. Bereits im frühen Vorschulalter findet eine intensive Medienaneignung statt, bei der Kinder oft völlig unvermittelt auf erschreckende oder gruselige Sequenzen stoßen, was uns Eltern als beruhigende Begleiter enorm fordert (siehe: Kittel, 2021).

Wenn Kinder YouTube nutzen, führt die Autoplay-Funktion oder die Empfehlungsleiste oft in Bruchteilen von Sekunden von einem harmlosen Tiervideo zu Kino-Trailern für Erwachsene oder verstörenden Internet-Phänomenen. Viele Kinder sehen ihre ersten wirklich angsteinflößenden Bilder bereits im Grundschulalter, oft lange bevor wir Eltern es überhaupt bemerken. Und es muss gar nicht der klassische Horrorfilm sein – können doch schon Sequenzen von Musikvideos oder bei Kleinen auch Trickfilm Inhalte zu Ängsten führen.
Subjektive Angst: Selbst harmlose Trickfilme können triggern
Das Tückische an der Situation ist, dass wir im Vorfeld kaum abschätzen können, was genau ein Kind wirklich in Panik versetzen wird. Es ist nicht rational. Manchmal ist es gar nicht der offensichtlich blutrünstige Zombie aus einem Actionfilm, der für schlaflose Nächte sorgt. Oft reicht schon eine eigentlich lustig gemeinte, aber seltsam verzerrte Fratze in einem Kinderfilm oder eine besonders düster klingende Hintergrundmusik. Jeder kindliche Verstand verarbeitet visuelle Reize anders, und die Schwelle, ab wann ein Bild als ernsthaft bedrohlich empfunden wird, ist hochgradig individuell.
Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die bekannte Zeichentrickserie Scooby-Doo. Für uns Erwachsene oder ältere Geschwister ist es eine harmlose, lustige Jagd nach verkleideten Gaunern. Doch für ein kleines Kind können genau diese maskierten Bösewichte und die schummrigen Spukhäuser eine massive psychische Überforderung darstellen. Ein Kind reagiert empfindlich auf plötzliche laute Geräusche, das nächste auf unheimliche Masken, und wieder ein anderes auf das Gefühl der Ausweglosigkeit einer Figur. Wenn Kinder sich gruseln, gibt es leider keinen allgemeingültigen Katalog, der uns Müttern sagt, wann genau wir den Fernseher ausschalten müssen. (Auch wenn die FSK definitiv einen guten Rahmen bietet und man sich daran schon sehr gut orientieren kann. Nicht um sonst sind Horrorfilme grundsätzlich ab 18.)
Erste Hilfe für die verängstigte Kinderseele
Wenn das Kind nun aber etwas Schreckliches gesehen hat und die Bilder es förmlich verfolgen, ist schnelles und vor allem ruhiges Handeln gefragt. Die wichtigste und oberste Regel für uns Eltern lautet in diesem Moment: Erkenne die Angst deines Kindes bedingungslos an. Wenn starke Angst nach einem Film auftritt, helfen gut gemeinte Sätze wie „Das war doch gar nicht echt“ oder „Da musst du dich doch nicht fürchten“ überhaupt nicht weiter. Für dein Kind ist das Monster unter dem Bett in diesem Augenblick real. Die Angst ist riesig, sie lässt sich nicht einfach wegdiskutieren, und sie braucht jetzt dringend einen sicheren Hafen.
Dieser Hafen bist du. Gib deinem Kind jetzt ganz viel körperliche Nähe und ungeteilte Geborgenheit. Nimm es fest in den Arm, kuschle mit ihm auf dem Sofa und lass es spüren, dass es bei dir absolut sicher ist. Körperkontakt reguliert das gestresste Nervensystem deines Kindes und signalisiert ihm auf einer sehr grundlegenden Ebene, dass die akute Gefahr vorüber ist. Versuche, selbst Ruhe auszustrahlen, auch wenn du dich innerlich gerade über das unpassende Video aufregst.
Dem Schrecken die Macht nehmen
Wenn ein Kind nicht loslassen kann und die schrecklichen Bilder verarbeiten muss, hilft es enorm, das diffuse Grauen konkret zu machen. Lass dein Kind erzählen, was genau so schlimm war, oder bitte es, das Monster zu malen, wenn ihm die Worte fehlen. Wenn die Angst erst einmal ans Licht geholt wurde, verliert sie oft schon einen Teil ihrer Macht. Gemeinsam könnt ihr das gemalte Ungeheuer dann symbolisch zerreißen, in den Mülleimer werfen oder lustig anmalen – vielleicht bekommt der böse Wolf ja plötzlich eine rosa Schleife und Rollschuhe? Wir haben hier schon Harry Potter gelesen, seit dem zaubern wir – „ridiculo!“ – aus jedem Monster einen Clown.

Für jüngere Kinder können zudem kleine Rituale wahre Wunder wirken. Ein selbstgebasteltes „Monster-Abwehr-Spray“ – einfach eine Sprühflasche mit Wasser und einem Tropfen Lavendelduft – am Nachttisch gibt dem Kind vor dem Einschlafen ein Gefühl der aktiven Kontrolle zurück.
Bei älteren Kindern, die kognitiv schon weiter sind, kann ein „Blick hinter die Kulissen“ sehr heilsam sein. Zeige ihnen kurze Making-of-Videos, in denen man sieht, wie Schauspieler in gruseligen Kostümen am Set lachen oder Kaffee trinken. Das entzaubert den Schrecken und holt die Kinder sanft zurück in die Realität.
Und zu guter letzt möchte ich euch noch ein kurzes Snippet der WDR Die Maus ans Herz legen. Hier erzählen Kinder, wie sie mit Horrorfilmen oder gruseligen Szenen in Berührung gekommen sind, und was ihnen geholfen hat. So kann auch dein Kind merken, dass es mit der Situation nicht allein ist und es viele Kinder gibt, die das gleiche schon erlebt haben. Den Ausschnitt aus dem Mausradio gibt es hier zu hören.
Durchatmen und die Familie entspannen
Am Ende des Tages ist es für uns Eltern in solchen Momenten das Wichtigste, geduldig und nachsichtig zu bleiben. Jedes Kind wird auf seinem Weg zum Erwachsenwerden irgendwann mit unschönen Medieninhalten konfrontiert – das ist heute leider unvermeidbar. Doch mit deiner Liebe, deinem offenen Ohr und deiner Bestätigung kann dein Kind lernen damit umzugehen. Die eigenen Grenzen zu kennen und zu wahren (ich kann zB. bis heute keine Gruselfilme gucken) wird in Zukunft sehr wichtig. Wir können die Kinder dabei unterstützen, in dem wir nichts Wegreden aber doch ein Auge auf den Medienkonsum haben. Und wenn es hart auf hart kommt: Kuscheln und Kommunikation. All the way.
Quellen:
Kittel, C. (2021). Aufwachsen in Medienwelten. Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik, 11, 1–13. https://doi.org/10.21240/lbzm/11/04
